Internationaler Brückepreis geht an

2018 - Daniel Libeskind


(Foto: Stefan Ruiz)


Begründung
für die Vergabe des Internationalen Brückepreises
der Europastadt Görlitz/Zgorzelec 2018 an Daniel Libeskind

Mit seinem architektonischen und künstlerischen Schaffen ist Daniel Libeskind einer der großen Brückenbauer unserer Zeit. Der US-Amerikaner polnisch-jüdischer Herkunft widmete sich immer wieder den Verwerfungen im menschlichen Miteinander. Sein Werk lässt den Betrachter dabei nie unberührt; er hält uns – Menschen, Völkern und Gruppen – einen Spiegel vor und zwingt zur Reflexion und zu einem Konsens der Menschlichkeit.

Seine Werke sind „gebaute Erinnerungskultur“, wie es Katrin Göring-Eckardt nannte: „Sie konfrontieren uns mit existenziellen Sinnfragen und Widersprüchen.“ Denn seine Architektur greift immer wieder Themen auf, die die Abgründe der Weltgeschichte im 20. und 21. Jahrhundert aufzeigen – die Schrecken des Terrors, die Shoah, ihre unzählbaren Kriege. Dabei ist seine Sicht kritisch, unparteiisch gegenüber jedermann und oft provokant. So stellt er die Massenmorde des Nationalsozialismus im Jüdischen Museum zu Berlin dar, wo „Leerstellen“ die Getöteten symbolisieren und beim Besucher Irritation und Orientierungsverlust erzeugen. Die traumatischen Reflexionen zum Holocaust haben ihn gelehrt, „die überwältigende Leere zu empfinden, die aus dem Verlust so vieler Menschen erwächst“, sagt Libeskind dazu. Er thematisiert die Grausamkeiten der Kriege im dekonstruktivistischen Imperial War Museum North ebenso wie im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden, dessen Fassade er durch einen Keil sprengt. Bei seinem Entwurf des Ground Zero setzte er sich mit dem rezenten Terrorismus auseinander.

Die Betrachtung seiner Architektur, die Dogmatik und ideologischen oder religiösen Alleinvertretungs-anspruch, mangelnde Dialogbereitschaft sowie fehlende Menschlichkeit anprangert und deren Konsequenzen zeigt, führt den Betrachter zur Einsicht, dass „so etwas nie wieder passieren darf“. Seine Entwürfe und Bauwerke erinnern und mahnen. Sie sind damit „Denkmäler“ im besten Sinne des Wortes. Auf der anderen Seite halten sie den kritischen Betrachter an, den konstruktiven Austausch über alle Grenzen hinweg zu suchen, Toleranz zu üben, kulturelle, ethnische, religiöse und politische Vielfalt zuzulassen und zu fördern – zukunftsorientiert, aber ohne die Geschichte zu vergessen. In diesem Sinne wirken Architekt, sein Werk und dessen Ausstrahlung als eine globale Brücke zwischen den Menschen.

Görlitz, den 09.04.2018

Prof. Dr. Willi Xylander
Präsident der Gesellschaft
zur Verleihung des Internationalen Brückepreises für das Jahr 2018