Internationaler Brückepreis geht an:

2007 - Arvo Pärt

Estnischer Komponist

Arvo Pärt
Arvo Pärt erhält Internationalen Brückepreis 2007 der Europastadt Görlitz/ Zgorzelec.

Reden/Laudatio


Begründung
für die Vergabe des Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz/Zgorzelec 2007an Arvo Pärt
 

Arvo Pärt hat mit musikalischen Mitteln dazu beigetragen, die spirituell prägenden Kräfte Europas aufeinander zuzuführen. In seinem Schaffen treffen sich Traditionen aus dem östlich-orthodoxen, dem römisch-katholischen und dem protestantischen Europa und bereichern sich wechselseitig. Es gelang ihm, eine Brücke zwischen Ästhetik, Ethik und Spiritualität zu schlagen und Elemente der Musiksprache des Ostens in die Konzertsäle des Westens einzubringen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Sein Schaffen genießt so große Akzeptanz wie bei keinem anderen Komponisten der zeitgenössischen Musik. Sein Werk macht das menschliche Grundbedürfnis nach einer Verbindung von Ästethik, Ethik und Spiritualität, die in unserer überwiegend säkularisierten Gesellschaft so oft der Politik und der Ökonomie untergeordnet werden, deutlich und erlebbar. Pärt schärft so den Sinn für die menschliche Gemeinsamkeit und Grunderfahrungen und leistet damit einen Völker verbindenden, Frieden stiftenden Beitrag für alle Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen und Kulturen.

Görlitz, den 15.01.2007



Prof. Dr. Willi Xylander
Präsident der Gesellschaft zur Verleihung
des Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz/Zgorzelec

Dr. Michael Wieler
Sekretär der Gesellschaft zur Verleihung
des Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz/Zgorzelec



Arvo Pärt hat mit musikalischen Mitteln die spirituelle Trennung des europäischen Kontinentes in eine östlich-orthodoxe und in eine westlich-abendländische Hälfte aufgehoben. Mit dem von ihm entwickelten „Tintinabuli“-Stil (vom Lateinischen für „Glocke“) wurde er zum weltweit am häufigsten aufgeführten Vertreter der sogenannten Neuen Musik.
Pärts Stil, gegründet auf dem Dreiklang und auf elementaren Melodiemodellen, ist von fast provozierender Schlichtheit.

Er erwuchs aus einem langen Ringen des Komponisten, der 11. September 1935 in Paide/Estland geboren wurde und seit 1958 am Konservatorium in Tallinn Komposition bei Heino Eller studierte. In seiner ersten Schaffensphase bis 1968 kontrastierte er die in der damaligen Sowjetunion verpönten Stilmittel der Avantgarde mit solchen des Barocks, insbesondere mit Fragmenten aus dem Werk Johann Sebastian Bachs, bis diese ein solches Übergewicht erhielten, daß der Komponist für acht lange Jahre fast ganz verstummte. In dieser Zeit des Studiums alter Musik und des Nachdenkens fand er zum orthodoxen Glauben. Der Konflikt mit den Kulturbehörden hatte schon mit seinem „Nekrolog für Orchester“ op. 5 1960 eingesetzt, damals aus formalen Gründen: man warf ihm “westliche Dekadenz” vor. Mit seinem 1976 gefundenen „Tintinabuli“-Stil in „Für Alina“ und „Sarah wurde 90 Jahre alt“ (beide 1976) verschärfte sich der Konflikt, weil unüberhörbar wurde, daß für Pärt letztlich alle Musik religiös ist (“... hinter der Kunst, zwei, drei Töne miteinander zu verbinden, liegt ein kosmisches Geheimnis verborgen.”).

Über Israel kam Arvo Pärt mit seiner Familie 1980 nach Wien, 1981 mit einem Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Berlin (West). Hier und in Südengland lebt und wirkt Arvo Pärt bis heute als Brückenbauer zwischen dem östlichen und dem westlichen Europa.
Arvo Pärts Musik ist geprägt von einer ungeheuren Verdichtung des Musikstoffes. Jede Note wird zu einem Ereignis, jeder Klang wird auf seinen Kern geführt, alles wird auf das Notwendige beschränkt. Die „Tintinnabuli“-Kompositionstechnik baut Mehrstimmigkeit aus tonalem Klangmaterial auf, ohne auf traditionelle funktionsharmonische Paradigma zurückzugreifen. Jeweils zwei Stimmen fügen sich zu einem „Zweiklang“ zusammen. Eine von beiden ist der allgegenwärtige Dur-moll-Dreiklang, dessen Töne mit der anderen, einer Art „Melodiestimme“, nach sehr strengen Regeln verknüpft sind. Die kompositorische Askese erweckt beim Hörer den Eindruck von Konzentration und Objektivität. Sie atmet jenen Geist des Friedens, der angesichts der weltweiten Entwicklung kriegerischer Konflikte immer wichtiger wird und der Pärts Musik in allen Kontinenten ungezählte Hörer verschafft hat.

Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec ist stolz, nach dem weitausstrahlenden Erfolg der Kulturhauptstadtbewerbung (Platz 2) mit der Ehrung von Arvo Pärt als Brückepreisträger 2007 ihre genuine Rolle als europäische Kulturstadt weiterführen zu können und ein künstlerisch singuläres Werk als Mittler zwischen Ost und West ehren zu dürfen.